Die dritte, große Stolpersteinverlegung am 16. September 2026 stand unter einem besonderen Vorzeichen, denn sie legte den Schwerpunkt dieses Mal auf gelungene Fluchtgeschichten ehemaliger Sprendlinger Mitbürgerinnen und Mitbürger
Am Mittwoch, dem 16. September 2026, wurden 19 weitere Stolpersteine in Dreieich-Sprendlingen an fünf Orten verlegt, dieses Mal durch die Frau des Künstlers Demnig, Katja Demnig. Diesem war es aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen leider selbst nicht möglich, die Verlegungen vorzunehmen. Es ist ihm und seiner Frau ein Herzenprojekt.
Bei dieser Verlegung konnten alle Personen, denen ein Stolperstein gewidmet wurde, emigrieren. Es gelang ihnen somit die Flucht vor den Nationalsozialisten. Alle vier Dreieicher weiterführenden Schulen hatten zu den fünf Verlegestellen das Rahmenprogramm abwechslungsreich, intensiv und berührend vorbereitet und der Gesamtgruppe vorgestellt. Im Zentrum vieler Beiträge standen Fragen wie „Was bedeutet Erinnerung?“, „Wie sah wohl das neue Leben der emigrierten Sprendlinger weit weg von ihrer ursprünglichen Heimat aus?“ oder „Was bedeutet eigentlich Flucht?“. Die tiefgehenden Gedanken haben die Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichen Jahrgangsstufen souverän und dem Veranstaltungsrahmen entsprechend vorgestellt. Dabei zogen sie gemeinsam mit vielen Interessierten – es waren rund 200 Personen anwesend – von einem zu den jeweils anderen der ehemaligen Wohnorte der einzelnen Familien bis hin zum Pop-up-Store. Beim letzten Verlegeort für die Familie Bendheim in der Darmstädter Straße 2-4 sprach die Enkelin von Emil und Karoline Bendheim und zeigte auf, welche Bedeutung die Erinnerung durch Stolpersteine haben. Für sie und ihre gesamten Familienangehörigen, die anwesend waren und gemeinsam die Rosen für die Vorfahren niederlegten, waren es sehr berührende Momente. Wir sind dankbar dafür, dass unsere Schülerinnen und Schüler die Verlegung dieser Stolpersteine begleiten durften und auch am Vortag mit Rute und Juliana Milman ein persönliches Treffen hatten.
Im Folgenden der Rahmenbeitrag unserer Projektgruppe für die Verlegung der Stolpersteine für: Emil Bendheim, Karoline Bendheim geb. Morgenstern, Gustav Bendheim, Blanka Bendheim geb. Kahn, Bernd Bendheim und Erwin Bendheim.
Myriam Andres










Die Stolpersteinverlegung am Mittwoch, 16. September 2026
Verlegung von Stolpersteinen für
Emil Bendheim
Karoline Bendheim geb. Morgenstern
Gustav Bendheim,
Erwin Bendheim,
Blanka Bendheim geb. Kahn
Bernd Bendheim
„Warum konnte es passieren?“
Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 und 11 der Ricarda – Huch – Schule
Alessia Haller, Kamal Ahmed, Joya Bendrien, Leyli Fakhrian, Jake Thomas, Elisabeth Schießl, Chiara Kulla, Mathilda Grützner
Betreuende Lehrkräfte: Myriam Andres, Maria Titz
„Warum konnte das passieren?“
Emil und Karoline Bendheim werden vorgestellt: (Alessia Haller)
Emil Bendheim wurde am 16. Januar 1871 in Sprendlingen geboren. Er heiratete Karoline Bendheim, geborene Morgenstern, die am 12. März 1879, ebenfalls in Sprendlingen, geboren wurde. Gemeinsam bekamen sie drei Kinder. Emil war Geschäftsmann und führte erfolgreich einen Manufakturwarenladen in der Darmstädter Straße. Am 27. Juli 1939 emigrierten er und Karoline nach Brasilien. Zuvor verkaufte er sein Geschäft an Karl Braun. Während ihrer Überfahrt nach Südamerika brach der Zweite Weltkrieg in Deutschland aus. Beide verstarben in Brasilien, Emil Bendheim am 10. Juni 1942 und seine Frau Karoline am 28. Juni 1961.
Alle: „Warum?“
Ihre Kinder werden genannt und Johanna Bendheim vorgestellt: (Joya Bendrien)
Die Kinder von Emil und Karoline Bendheim waren Gustav Bendheim, Johanna Bendheim und Erwin Bendheim. Johanna Bendheim wurde am 21. Februar 1901 in Sprendlingen geboren und war das mittlere Kind der beiden. Sie heiratete später Viktor Wolf, ebenfalls aus Sprendlingen, und lebte mit ihm ganz in der Nähe Ihrer Familie in der Darmstädter Straße 10. Die beiden konnten am 30. Januar 1937 zunächst nach Holland, 1939 endgültig nach Chicago in den USA fliehen.
Alle: „Warum?“
Gustav Bendheim wird kurz vorgestellt: (Leyli Fakhrian)
Gustav Bendheim, geboren am 20. Dezember 1898 in Sprendlingen, heiratete Blanka Kahn, die am 15. Februar 1905 in Stuttgart geboren wurde. Gustav Bendheim arbeitete im Geschäft seiner Eltern in Sprendlingen. Gemeinsam bekamen sie einen Sohn, Bernd, der am 23. Februar 1928 zur Welt kam. Am 3. April 1938 floh Gustav dann zusammen mit seiner Frau Blanka und ihrem Sohn Bernd nach New York. Gustav starb vermutlich 1964 in den USA, seine Frau Blanka bereits 1957.
Alle: „Warum?“
Erwin Bendheim wird vorgestellt: (Kamal Ahmed)
Erwin Bendheim wurde als jüngstes Kind am 28. Juni 1905 in Sprendlingen geboren. Er lernte zunächst ebenfalls den Beruf des Kaufmanns, allerdings in einem Geschäft für Damenhüte in Frankfurt am Main. Er arbeitete später als Außendienstvertreter. Auf einer Geschäftsreise nach Holland wurde bei ihm angeblich „verbotene Literatur“ beim Grenzübertritt gefunden, weshalb er ins Konzentrationslager nach Dachau, in der Nähe von München, gebracht wurde. Hier war er etwa eineinhalb Jahre inhaftiert und konnte es wahrscheinlich lebend verlassen, weil er Deutschland innerhalb von drei Tagen verließ. Er emigrierte am 22. Mai 1937 nach Brasilien und lebte dort in Rio de Janeiro. Von hier versuchte er, seine Eltern nachzuholen und heiratete Lilly Betty Herz, die ebenfalls nach Brasilien emigriert war. Später lebte er mit ihr in Petropolis und schließlich in Porto Alegre.
Alle: „Warum?“
Eine Person beginnt, einen möglichen Erklärungsansatz vorzustellen: Jake Thomas
Um genau zu verstehen, wie es zu Hass, Diskriminierung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung kommen konnte, müssen wir uns die politische und gesellschaftliche Situation vor und während der NS-Zeit anschauen. Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland politisch sehr instabil. Die Weimarer Republik hatte mit vielen Krisen zu kämpfen – Inflation, Ruhrbesetzung, auch mit spürbaren Auswirkungen in der Region Dreieich, wechselnden Regierungen und zuletzt der großen Weltwirtschaftskrise von 1929. Für viele Menschen bedeutete diese Zeit auch eine Zeit der Armut, Unsicherheit und Angst vor der Zukunft. Dadurch verloren viele auch ein Vertrauen in die Demokratie, die sich noch nicht verankern konnte und nicht krisenerprobt war.
Die Nationalsozialisten nutzen diese Situation mit ihrer Propaganda gezielt aus, gaben plakativ „einfache Lösungsansätze“ und konnten so Unterstützung gewinnen. 1933 kam Hitler dann an die Macht und die Demokratie wurde umgehend schrittweise abgeschafft. Auch in Dreieich wurden dazu vor allem die jüdischen Menschen aus der Gesellschaft verdrängt – in die Flucht getrieben, ausgebeutet oder deportiert. Deshalb erinnern wir heute mit den Stolpersteinen an konkrete Menschen, deren Leben durch diese Verfolgung geprägt wurden.
Eine zweite Person führt weiter aus: Elisabeth Schießl
In der NS-Ideologie war der Antisemitismus ein zentraler Bestandteil und war eng mit der Rassenideologie verbunden. Die Diskriminierung von Juden gab es in der Geschichte allerdings schon länger, hier griff Hitler auf vorhandene Ressentiments und Vorurteile zurück. Die NS-Ideologie gab den jüdischen Menschen die Schuld für viele Probleme, sie dienten als Sündenbock, wie beispielsweise für die Niederlage im Ersten Weltkrieg. Angeblich würden die Juden mittels des Kapitalismus die Weltherrschaft anstreben, weshalb sie auch als „Parasiten“ in der deutschen Volksgemeinschaft diffamiert wurden.
Ab 1933 bereits begann die zunehmende Ausgrenzung mittels Boykotts, Berufsverboten und gezieltem Ausschluss aus Vereinen. Dies alles geschah auch in Dreieich. Die Nürnberger Gesetze verschärften die Ausgrenzung und nahmen der jüdischen Bevölkerung ihre zentralen bürgerlichen Rechte. Nun konnten sie verfolgt, ausgeplündert – so beispielsweise zum Verkauf ihrer Geschäfte gezwungen werden-, willkürlich verhaftet und zur Vorbereitung der „Deportationen“ in so genannte „Judenhäuser“ umgesiedelt werden. Die Ideologie war menschenverachtend und schürte Hass und Vorurteile.
Eine dritte Person führt weiter aus: Mathilda Grützner
Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus funktionierte überall in Deutschland so lückenlos, weil das Regime alle Behörden sofort „gleichschaltete“. Gesetze und rassistische Befehle aus Berlin wurden von den lokalen Verwaltungen direkt vor Ort umgesetzt. Wie das funktionierte, zeigte sich im Jahr 1933 in Sprendlingen: Die Nationalsozialisten setzten den demokratischen SPD-Bürgermeister Wilhelm Stimpert ab und ersetzten ihn durch den NSDAP-Bürgermeister Dr. Ludwig Storch. Auch die Verwaltung wurde entsprechend umgestaltet. Damit war die Sprendlinger Verwaltung komplett auf Linie gebracht. Und sofort begann der Terror: Politische Gegner wurden mitten im Ort im Keller des Sprendlinger Rathauses eingesperrt und misshandelt. Gleichzeitig zerstörten sie ihre Lebensgrundlage. Sprendlingen war damals ein größeres Zentrum des jüdischen Lebens in der Region. Der Hass gipfelte am 10. November in der Katastrophe: Lokale Nationalsozialisten zündeten in Verbindungen mit anderen Novemberpogromen die Sprendlinger Synagoge an, ließen sie abbrennen. Das Gotteshaus brannte völlig aus, und die jüdischen Einwohner wurden in den folgenden Monaten endgültig aus ihrer Heimat vertrieben. Manchen gelang glücklicherweise die Flucht, wie auch der Familie Bendheim.
Eine vierte Person führt weiter aus: Chiara Kulla
Warum gab es keinen Widerstand? Ein wichtiger Grund hierfür ist auch die Furcht vor den Folgen, vor Repressionen gegen sich selbst oder seiner Familie. Wer half oder sich offen gegen das System stellte, konnte mit Überwachung, Verhaftung oder schwerwiegenden Strafen rechnen. Seit der Errichtung der Diktatur 1933 durch die Nationalsozialisten gab es keine freie Presse, keine freie Meinungsäußerung, die Propaganda war ganz und gar ausgerichtet auf die NS-Ideologie. Durch ständige Wiederholungen konnten sich auch Ressentiments und Vorurteile in der Gesellschaft festsetzen. Die Volksgemeinschaft wurde hochgehalten und der Gruppenzwang bewirkte eine Anpassung, solange man nicht selbst betroffen ist. Noch dazu gab es auch die Profiteure der Ausgrenzungs- und Diskriminierungsprozesse. So profitierten viele Deutsche von einer „Arisierung“ der Geschäfte oder von den Versteigerungen zurückgelassener Güter jüdischer Menschen nach ihrer Ausreise. Diese Ausreise wurde allerdings seit 1938 weiter erschwert und wir können von Glück sagen, dass es Menschen gab, denen eine Flucht gelang. Es brauchte im Zielland immer jemanden, der für die Ausreise bezahlte. Dennoch dürfen wir auch nicht vergessen, dass es Menschen gab, die im „Kleinen“ halfen und unterstützten.
Abschluss: „Wir wünschen uns für heute und die Zukunft…“
Mathilda: Wir wünschen uns, dass jede Person als Mensch angesehen und respektiert wird.
Leyli: Wir wünschen uns Einigkeit in einer Vielfalt, denn jeder Mensch ist einzigartig und wichtig.
Elisabeth: Wir wünschen uns, dass demokratische Werte wie Respekt, Toleranz und Akzeptanz in der Gesellschaft gelebt werden.
Chiara: Ich wünsche mir, dass wir nicht wegsehen, wenn jemand Ausgrenzung oder Hass entgegengebracht wird, denn schließlich sind wir alle Menschen.
Joya: Es ist wichtig, dass die Gesellschaft bei antisemitischen Äußerungen und Taten nicht wegschaut, sondern Verantwortung übernimmt und entschieden dagegen vorgeht.
Jake: Wir wünschen uns für heute und die Zukunft, dass wir in unserem eigenen Umfeld schon im Kleinen gegen Vorurteile und Ausgrenzung eintreten, damit Hass, Diskriminierung und Vertreibung keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft haben.
Kamal: Es braucht hierzu jeden Einzelnen von uns!
Alessia: Ich wünsche mir, dass wir alle friedlich miteinander leben können.




