Vertreibung, eine gelungene Fluchtgeschichte und Verbundenheit

Nachfahren der Familie Bendheim aus Dreieich-Sprendlingen, ehemals wohnhaft in der Darmstädter Straße 2-4, berichten Schülerinnen und Schülern der RHS von der Flucht, dem neuen Anfang in Brasilien und der Verbundenheit mit der ehemaligen Heimat.

Am Dienstag, dem 15. September 2026, war Rute Milman, die Tochter von Erwin Bendheim und Enkelin von Emil und Karoline Bendheim, mit ihrer Enkelin Juliana Milman zu Besuch an der Ricarda-Huch-Schule. Sie kamen extra aus Brasilien und der Schweiz, um der Stolpersteinverlegung für ihre Vorfahren Emil, Karoline, Gustav, Johanna, Erwin, Blanka und Bernd Bendheim beizuwohnen. Wir waren überglücklich, dass sie sich bereit erklärten, uns von der Flucht ihrer Familienangehörigen nach Brasilien sowie deren Neuanfang und dem Leben in ihrer neuen Wahlheimat zu berichten.

Teilnehmen konnten an diesem Gespräch alle Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer, die den Rahmen der Stolpersteinverlegung in der Darmstädter Straße 2-4 vorbereitet haben, sowie der katholische Religionskurs von Maria Titz aus der 10. Jahrgangsstufe. Juliana Milman hatte hierfür eine Präsentation mit zahlreichen Fotos, Ausschnitten aus Dokumenten und sogar Interviews der Mutter von Rute Milman, versehen mit deutschen Untertiteln, vorbereitet, die von der Flucht ihres Mannes und ihrer Schwiegereltern berichtete. Das, was die Schülerinnen und Schülern in Dreieich-Sprendlingen nicht recherchieren konnten, nämlich wie die gelungene Flucht vor den Nationalsozialisten weiterging, wurde ihnen anschaulich, sehr offen und intensiv vorgestellt. Dabei zeigte sich auch, dass Dreieich-Sprendlingen vor allem für Erwin Bendheim später immer eine besondere Stellung eingenommen hatte. Es blieb sogar ein Kontakt nach Dreieich-Sprendlingen über Jahrzehnte hinweg bestehen und die Familie blickt heute nicht mit Hass und Vorwürfen auf die Stadt, aus der ihre Vorfahren flüchten mussten. Im Gegenteil, die enge Verbundenheit blieb bestehen und zeigt sich auch darin, dass sie noch heute Deutsch sprechen. Die neue Heimat wurde zu ihrer Heimat, aber sie definierten sich auch dort weniger über ihre Religion als durch ihr Zugehörigkeitsgefühl zu dem Land und seiner Kultur. Wichtig war ihnen vor allem auch zu betonen, wie dankbar sie sind, dass nun ihren Familienangehörigen mit den Stolpersteinen eine Erinnerung gesetzt wird. Die Ururenkelin von Emil und Karoline Bendheim wuchs in einer christlich wie jüdisch geprägten Familiengeschichte auf und empfindet dies als eine besondere Bereicherung für ihr Leben. Wir danken sehr für diesen tiefen, offenen und ehrlichen Einblick in die weitere Familiengeschichte!