Am Freitag, den 17. April 2026, fand eine weitere Verlegung von Stolpersteinen für 22 Menschen statt, an der auch unsere Schule beteiligt war.
Sicherlich kennen viele von euch die metallenen quadratischen Steine vom Künstler Gunter Demnig, die in Städten und Gemeinden in Bürgersteige eingebettet sind. Auf ihnen lassen sich die Namen und Geschichten der Personen entnehmen, die an der jeweiligen Adresse einmal gelebt haben und von dem NS-Regime schikaniert, vertrieben, verfolgt und umgebracht worden sind.
Für 22 Personen wurden die sogenannten Stolpersteine, die auf die Opfer des Dritten Reichs aufmerksam machen sollen, nun am vergangenen Freitag, den 17. April 2026, in Sprendlingen und Buchschlag verlegt und ergänzen somit die schon vorhandenen Orte der Erinnerung.
Nach einer Ansprache des Bürgermeisters machte die große Gruppe der Beteiligten und Interessierten einen Rundgang durch Sprendlingen und hielt an verschiedenen Adressen, um mehr über die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Dreieich zu erfahren. Schülerinnen und Schüler, sowie Historiker und eine Zeitzeugin präsentieren ihre inhaltlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Holocaust und Erinnerungskultur. Es wurden Biografien erzählt, z.B. von einem neuen Leben in den Vereinigten Staaten. Gedichte, wie etwa über das Leid in Konzentrationslagern, wurden vorgetragen, selbstgeschriebene Briefe an die Frauen, Kinder und Männer vorgelesen und ein gesprochenes Theaterstück über das Stillschweigen der Gesellschaft aufgeführt.
Die Schülerinnen Katharina und Stella aus dem Leistungskurs Geschichte der Q2 unserer Schule hatten sich im Vorhinein mit der Geschichte der Familie Bendheim in der Kanonenstraße 2 auseinandersetzt und erzählten über die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder, die mit alltäglicher Ausgrenzung, Trennung von Familienmitgliedern und Fluchtversuchen konfrontiert waren. Ergänzend wurden Bilder gezeigt, darunter ein Foto des großen Überseekoffers, der immer bereitstand, aber nie genutzt werden konnte. Trotz der erdrückenden Umstände hätte die Familie dennoch auch Unterstützung aus der Nachbarschaft erhalten, so schilderte Katharina. Die Sprendlinger Zeitzeugin Lore Schwarz berichtete anschließend von ihren Erinnerungen an die Familie Bendheim, wie ihre Mutter der Familie Unterstützung bot und welche Gefahren damit verbunden waren. Sehr präsent war das Thema der Ungewissheit über die Zukunft der schrumpfenden jüdischen Bevölkerung Dreieichs zur damaligen Zeit.
Nachdem das Programm in Sprendlingen endete, ging die Veranstaltung im Anschluss in Buchschlag weiter. Dort wurden ebenso Stolpersteine verlegt und verschiedene Beiträge an das Publikum vermittelt.
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Stolpersteininitiative Sprendlingens in Zusammenarbeit mit Historikern und Zeitzeugen, den weiterführenden Dreieicher Schulen, dem Geschichtsverein Buchschlag e.V., der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Dreieich-Buchschlag, der Christlichen Pfadfinderschaft und einer Musikerin, die die Veranstaltung begleitete.
Eleonore Dietsche
Weiterhin ist ein Artikel in der Offenbach Post erschienen: https://www.op-online.de/region/dreieich/22-stolpersteine-erinnern-in-dreieich-an-die-ermordeten-nachbarn-94267474.html




Texte zur Stolpersteinverlegung der Familie Bendheim am 17.04.2026
„Familie Bendheim – Was kann Nachbarschaft bedeuten?“
Schülerinnen der RHS: Katharina Grüner, Stella Montanaro gemeinsam mit der Zeitzeugin Lore Schwarz
Katharina: Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren. Wir haben uns heute hier in der Kanonenstraße 2 versammelt, um die Namen von Julius, Flora, Kurt und Edith Bendheim wieder fest in unserer Stadt zu verankern. Wir möchten ihre Geschichte erzählen. Keine Geschichte von bloßen Zahlen, sondern von Menschen, die hier ihre Heimat hatten.
Stella: Beginnen wir mit dem Familienoberhaupt Julius Bendheim. Er wurde am 13. Januar 1892 in Sprendlingen geboren und war Kaufmann sowie ehemaliger Frontsoldat. Zudem besaß die Familie ein Manufakturgeschäft. Sein Leben nahm ein gewaltsames Ende, nachdem er im Zuge der Pogromnacht im November 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde.
Zu dieser historischen Zeit haben wir zwei fiktive Tagebucheinträge verfasst, wie sich wohl die Tochter Edith gefühlt haben könnte. Diese stellen wir Ihnen nun vor.
Dreieich, den 1.11.1938 (hier war Edith Bendheim 8 Jahre, sie wurde am 26. August 1929 geboren)
„Heute ist alles komisch zu Hause. Mama weint viel in der Küche, aber sie versucht es zu verstecken, wenn ich reinkomme. Sie sagt dann immer, sie hat nur Zwiebeln geschnitten oder Staub im Auge. Aber ich bin ja nicht dumm.
Papa war heute ganz lange in meinem Zimmer und hat mir beim Spielen mit meinen Puppen zugesehen. Er hat meine Hand ganz fest gehalten. Und hatte einen ganz traurigen Gesichtsausdruck
Dreieich, den 2.11.1938
Liebes Tagebuch,
Papa verhält sich komisch. Er wirkt sehr unruhig und auch ein wenig durch den Wind. Er sitzt im Wohnzimmer und packt einen kleinen Koffer mit allen wichtigen Unterlagen. Er meint, wir müssen bereit sein, wenn unsere Anreise genehmigt würde. Auch der
Überseekoffer ist bereits gepackt. Seine Hände haben gezittert, als er mir über den Kopf strich.
Draußen vor dem Fenster sind Männer in NS-Uniformen vorbeigegangen. Ich will morgen nicht zur Schule. Ich wollte in der großen Pause mit einer Freundin Fangen spielen, so wie immer. Doch heute wollte sie es nicht. Sie meinte, ihre Mutter hätte es ihr verboten. Ich weiß nicht warum, wir sind doch Freunde.
Katharina: In Buchenwald verstarb Julius unter grausamen Umständen. Berichte belegen, dass er in einer Nacht im November 1938 im Lager die Nerven verlor und in seinem Bett schrie. Daraufhin wurde er von SS- Wachen brutal erschlagen. Laut offizieller Dokumentation der SS war die Todesursache eine „rechtsseitige Lungenentzündung“, doch Berichte legen nahe, dass er am 26.11. 1938, im Alter von nur 46 Jahren von SS-Leuten im Lager erschlagen wurde. Seine Asche wurde später in einer Urne nach Sprendlingen geschickt und dort beigesetzt. Die Verifikation, ob es sich dabei tatsächlich um Julius handelte liegt nicht vor.
Stella: Flora Bendheim, geboren am 13. März 1897 als Flora Flörsheimer, blieb mit den Kindern in der Kanonenstraße 2 zurück. Die Familie versuchte verzweifelt, in die USA auszuwandern; ein entsprechender Antrag vom August 1938 ist noch heute als Dokument erhalten, jedoch waren die bürokratischen Hürden zu hoch. Die Auswanderung scheiterte und besiegelte somit ihr Schicksal. Sie konnten Deutschland nicht verlassen, da die Warteliste für sie zu lang war.
Katharina: Auch die Kinder litten unter der zunehmenden Isolation. Der Sohn, Kurt Bendheim, geboren am 9. August 1924, war Mitglied im jüdischen Turnverein. Doch ab 1935 mussten laut Erlass alle Mitglieder von Vereinen „arischer Abstammung“ sein. Jüdische Sportler wurden systematisch ausgeschlossen. Die Tochter Edith, geboren am 26. August 1929, war bei ihrer Deportation erst 13 Jahre alt.
Stella: Kurz vor ihrer Deportation wurden die verbliebenen Familienmitglieder gezwungen, ihr zu Hause zu verlassen. Ihr Hab und Gut mussten sie abgeben und zur Familie Hess ziehen. Andere bereicherten sich an ihren Habseligkeiten. Zudem wurden alle jüdischen Bewohner Sprendlingens in so
genannte „Judenhäuser“ zwangsumgesiedelt. Dies diente der Vorbereitung für die Deportation.
Katharina: Am 17. September 1942 wurde die restliche Familie, die Mutter Flora, der 18-jährige Sohn Kurt und die erst 13-jährige Tochter Edith mit einem Lastwagen weggebracht. Kurt wurde am 9. August 1924 geboren, Edith am 26. August 1929. Zunächst wurden sie nach Darmstadt deportiert und von dort aus am 30.9.1942 ins Vernichtungslager Treblinka transportiert.
Katharina: Wir danken den „Freunden Sprendlingens“, der Stolpersteininitiative und den Spendern, die dieses Gedenken möglich gemacht haben. Mögen diese Steine uns jeden Tag daran erinnern, dass Ausgrenzung und Hass nie wieder das Fundament unserer Gesellschaft sein dürfen. Was für eine Zukunft hätten die Kinder unter menschlichen Umständen gehabt? Das werden wir nie erfahren können.
Aber es gab trotz aller Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung auch Menschen, die dies nicht unterstützten. Hören Sie nun einen Bericht von Lore Schwarz, eine Nachbarstochter der Familie Bendheim. (Katharina und Stella halten Bilder hoch)
Meine Familie hatte zu ihren Nachbarn und auch zu den jüdischen Mitbürgern gute Kontakte. Vor allem meine Mutter hatte zu unseren nächsten jüdischen Nachbarn, der Familie von Julius Bendheim freundschaftliche Beziehungen, besonders mit Flora verband sie eine enge Freundschaft. Bild Familie Bendheim und Fam. Bauer
Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wurde die Beziehung immer schwieriger. Aber trotz allem versuchte meine Mutter der Familie Bendheim zu helfen. Die Bendheims hatten ein gut gehendes Ladengeschäft für Manufakturwaren wie Stoffe, Bettwäsche und Bekleidung, bis die Diskriminierungen durch die Nazis einsetzten und die Kunden ausblieben. Im Jahre 1938 musste das Geschäft schließen. Das bedeutete keine Einnahmen mehr für die Familie Bendheim.
So lag an einem schönen Sommertag eine Geige auf unserem Wohnzimmertisch, meine Mutter sollte diese für Frau Bendheim verkaufen, was sie auch tat. Die Geige gehörte ihrem Sohn Kurt.
Frau Benheim kam öfter zu meiner Mutter und tauschte ihre Kümmernisse mit ihr aus. Der persönliche Austausch konnte die Sorgen zwar nicht aufheben, war aber der Versuch meiner Mutter, die Freundschaft auch weiterhin aufrechtzuerhalten. Besonders als die Todesnachricht von ihrem Mann kam, der in der Kristallnacht im November 1938 mit noch anderen jüdischen Mitbürgern ins KZ Buchenwald gebracht wurde und dort am 26.11.1938 erschlagen wurde. Er war nur 46 Jahre alt!
Die Witwe bekam die Urne mit der Asche zurück und als Todesursache wurde Lungenentzündung angegeben.
Ursprünglich wollte die Familie Bendheim nach Amerika auswandern. Sie stellten am 13. August 1938 bei dem Amerikanischen Konsulat in Stuttgart einen Antrag für ein Visum. Sie bekamen als Antwort, dass sie unter der Nr. 11559 in die Warteliste eingetragen sind. Leider kam es nie zur Auswanderung der Familie Bendheim.
Die Bendheims hatten für die geplante Auswanderung einen großen Überseekoffer gepackt. Diesen Überseekoffer brachten Frau Bendheim und meine Mutter nachts in unser Haus in der Frankfurter Straße 15. Wenn die beiden Frauen dabei erwischt worden wären, hätten sie große Schwierigkeiten bekommen, denn dies war unter Androhung schwerer Strafen strengstens untersagt. Der Überseekoffer stand unter meinem Bett und ich wurde von meiner Mutter angehalten davon ja Niemanden zu
erzählen. So war ich als Kind von 6 Jahren in das Schicksal der Sprendlinger Juden einbezogen.
Mit einem Schreiben vom 8. Oktober 1941 wurde Frau Flora Sahra Bendheim von der Gemeinde Sprendlingen mitgeteilt:
„Die Wohnung im Dachstock Ihres Hauses Kanonenstraße 2 wurde dem Jakob Wilh. Stroh, der z.Zt. bei Daniel Isr. Heß, Straße der SA 58 wohnt, zugewiesen. Die seitherige Wohnung des J.W. Stroh ist sofort nach der Räumung von Ihnen zu beziehen einschl. eines von Heß benutzten Zimmers im 1. Stock. Außerdem ist der Laden Kanonenstraße 2 vollständig zu räumen und alle Sachen sind bei Albert Isr. Pappenheimer, Straße der SA 1 unterzubringen.“
So wurden die jüdischen Eigentümer aus ihren Häusern vertrieben. Und nun betraf es unsere befreundeten Nachbarn ebenso.
Nach dem Krieg schrieb meine Mutter an eine Adresse in Amerika, die sie recherchiert hatte und unter der Verwandte der Familie Bendheim lebten, und fragte was mit dem versteckten Überseekoffer der Familie Bendheim werden soll. Sie erhielt Antwort von der Schwägerin von Flora Bendheim – der Schwester von Julius Bendheim – die schrieb: „sie schickt eine Schwägerin von ihr – die Frau Marta Wolf von Nieder-Wöllstadt bei Friedberg – die holt die Sachen ab.“ Daneben schrieb sie auch: „Liebe Frau Anthes, aus Dankbarkeit für die Aufbewahrung nehmen Sie sich etwas von den Sachen.“
Meine Mutter nahm sich eine Handtasche, die wahrscheinlich das Gesellenstück von Kurt Bendheim war. Und ein paar Taschentücher mit dem Monogramm „F“ für Flora Bendheim. Diese Taschentücher benutze ich noch heute und jedes Mal, wenn ich diese bügele, denke ich nach mehr als 80 Jahre an die zurück, denen sie gehörten.
Und so gehen unsere jüdischen Freunde nicht verloren, sondern bleiben in unseren Gedanken!
Stella: Mit diesen Stolpersteinen vor ihrem einstigen Wohnhaus wird ihnen heute ihre Namen und ihre Würde zurück. Sie sind nicht mehr nur Einträge in einer Deportationsliste, Nummern auf einem Bericht, sondern bleiben Teil unserer Gemeinschaft. Wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, was das für uns heute bedeuten kann.
Katharina:
Stell dir vor, du kommst am Morgen wie gewohnt in die Schule. Doch deine beste Freundin, dein Vertrauensmensch, sitzt nicht mehr neben dir. Sie darf nicht, nicht mehr. Nicht, weil sie krank oder umgezogen ist, sondern weil man beschlossen hat, dass sie „anders“ sei.
Im Radio hört man täglich, dass Menschen wie sie angeblich „schuld“ an allen Problemen seien. In der Zeitung steht, sie seien „gefährlich“. Auf Plakaten werden sie durch Karikaturen entmenschlicht. Und die Erwachsenen? Viele nicken bloß zustimmend. Die Lehrer wiederholen diese Worte. Die Nachbarn flüstern mit.
Irgendwann werden die Stimmen so laut, dass viele anfangen, es zu glauben. Wenn man eine Lüge oft genug hört und die Propaganda ständig wiederholt wird, wird sie für viele zur Realität.
Aber du bist ein Kind. Wem glaubst du? Dem, was du über deine Freundin weißt? Oder dem, was du tagtäglich auf den Straßen hörst?
Du darfst nicht mehr mit ihr spielen, nicht mehr mit ihr reden, ja nicht einmal mehr neben ihr stehen. Wenn du es doch tust, wird deine Familie vielleicht zur nächsten Zielscheibe.
Fast schlagartig wurde sie in den Augen der Gesellschaft weniger wert. Als wäre sie kein vollwertiger Mensch mehr. Nicht mehr Nachbarin, nicht mehr Freundin, sondern ein „Problem“.
So wirkte die Propaganda damals: Man nahm ihnen erst ihre Rechte. Dann ihren Besitz. Dann die Freiheit. Und schließlich ihr Leben.
Damals gab es viele, die wegschauten. Viele, die schwiegen. Viele, die glaubten, was ihnen propagiert wurde. Aber es gab auch Menschen, die halfen. Nicht laut oder im Rampenlicht, sondern leise. So wie die Familie von Lore Schwarz, die Mut bewies, Dokumente versteckte und Unterstützung gab. Sie konnten das System nicht stoppen, aber sie entschieden sich dazu, Menschen zu bleiben.
Genau deshalb tragen wir bis heute Verantwortung. Ausgrenzung beginnt nicht erst mit Gewalt. Sie beginnt mit Worten. Mit Witzen. Mit Wegsehen. Demokratie ist kein Zustand, der einfach da ist. Sie lebt nur, wenn wir jeden Tag für ihre Prinzipien einstehen und den Mut haben, Verantwortung zu tragen.




